Zwischen Aufbruch und Realität – was die DMEA über die Zukunft digitaler Gesundheitsversorgung verrät
- Zerrin Riegler

- 3. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Mai
Wer durch die Hallen der DMEA läuft, spürt schnell: Hier wird nicht nur über Technologie gesprochen – hier wird gerungen. Um Geschwindigkeit, um Verantwortung, um die Frage, wie viel technologische Veränderung das Gesundheitssystem zulässt. Zwischen voll besetzten Panels, intensiven Diskussionen und spontanen Begegnungen entsteht ein vielschichtiges Bild der Branche. Es ist ein Ort, an dem Visionen auf Versorgungsrealität treffen – ein Spannungsfeld, das auf der DMEA eine besondere Plattform findet, geprägt von einer offenen und kreativen Atmosphäre.
Besonders deutlich zeigt sich das bei den zentralen Themen der Messe: Neben KI in der Versorgung standen vor allem der European Health Data Space (EHDS) und der AI Act im Fokus. Beide zeigen, wie eng Innovationsdynamik und Regulierung inzwischen miteinander verwoben sind. Auch politisch ist der Druck spürbar: Digitalisierung soll ankommen und einen Mehrwert schaffen – bei Patient:innen, Leistungserbringenden und in der Forschung. Gleichzeitig wächst die Herausforderung, diesen Wandel unter realen Rahmenbedingungen umzusetzen.
Die zentrale Frage, die über allem steht:
Wie schaffen wir Tempo, ohne Vertrauen zu verlieren – und Fortschritt, ohne uns selbst auszubremsen?
Ein besonders greifbares Bild entstand im Gespräch mit vier prägenden Stimmen auf der Messe. Sie stehen exemplarisch für zentrale Perspektiven – aus Forschung, Versorgung, Gesellschaft und Innovation – und zeigen, wie vielfältig die aktuellen Herausforderungen und Chancen diskutiert werden.
Vom Potenzial zur Anwendung: Warum Deutschland jetzt Tempo aufnehmen muss
Eine der klarsten Botschaften kommt von Prof. Surjo R. Soekadar. Deutschland, hat kein Technologieproblem - entscheidend ist, die vorhandene technologische Stärke schneller in reale Anwendung zu übersetzen. Als einer der führenden Köpfe im Bereich Neurotechnologie ist seine Perspektive geprägt von der Schnittstelle zwischen Entwicklung und Anwendung – und genau dort sieht er die größte Herausforderung. Während Technologien wie KI, Mikroelektronik oder Neurotechnologie enorme Fortschritte machen, kommt es darauf an, dieses Potenzial konsequent in die Praxis zu überführen. Denn nicht die Forschung allein entscheidet über Erfolg, sondern die Fähigkeit, Innovationen in reale Nutzung zu überführen und zu skalieren. Gerade die Neurotechnologie zeigt, wohin die Reise gehen kann: Als zukünftige Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine birgt sie enormes Wachstumspotenzial. International wird hier bereits massiv investiert. Für Deutschland stellt sich daher nicht die Frage, ob dieses Feld relevant wird, sondern ob man rechtzeitig Teil dieser Entwicklung ist. Sein Appell ist klar: Mehr Mut zur Anwendung, weniger Perfektionismus im Vorfeld, mehr Lernen im Prozess. Oder wie er es sinngemäß formuliert:

Wir brauchen einen stärkeren Sense of Urgency.
Zwischen Fortschritt und Verantwortung: Macht Digitalisierung Medizin wirklich gerechter?
So eindeutig der Ruf nach mehr Tempo ist, so differenziert ist die Diskussion über die Auswirkungen von Digitalisierung. Mertcan Usluer bringt diese Ambivalenz auf den Punkt. In der Debatte um die Frage, ob Digitalisierung automatisch zu mehr Gerechtigkeit im Gesundheitssystem führt, positioniert er sich bewusst zwischen den Lagern. Seine Perspektive: Digitalisierung ist weder Heilsbringer noch Risiko per se – sie verstärkt das, was bereits im System angelegt ist. Das bedeutet konkret: Bestehende Ungleichheiten können durch digitale Systeme weiter verstärkt werden, etwa wenn bestehende Bias in Daten oder Entscheidungslogiken übernommen werden. Gleichzeitig eröffnet Technologie neue Chancen, bislang unterrepräsentierte Gruppen besser einzubinden und Wissen breiter zugänglich zu machen. Auch neue Formen der Aufklärung – etwa über soziale Medien – verändern bereits heute, wie Menschen sich informieren und Gehör verschaffen. Für ihn liegt die Herausforderung darin, diese Potenziale bewusst zu nutzen, ohne dabei strukturelle Probleme zu überdecken. Digitalisierung kann ein wichtiger Schritt sein – ersetzt aber nicht die Notwendigkeit, grundlegende Ungleichheiten im System selbst zu hinterfragen. Sein Fazit:

Fortschritt entsteht nicht durch Technologie allein, sondern durch die Art und Weise, wie wir sie gestalten.
Gerade dieser Spannungsbogen macht die Diskussion so wertvoll. Fortschritt entsteht nicht durch blinde Begeisterung, sondern durch das bewusste Abwägen und Weiterdenken unterschiedlicher Perspektiven.
Realität trifft Vision: Wie Digitalisierung in der Versorgung ankommen kann
Während auf den Bühnen über Zukunft gesprochen wird, zeigt sich an anderer Stelle, worauf es wirklich ankommt: Umsetzung im Alltag. Robert Schneider bringt im Gespräch eine entscheidende Perspektive ein – die des Bindeglieds zwischen Ärzteschaft, Politik und Technologie. Seine Einblicke aus der Versorgung machen deutlich, dass Digitalisierung nicht an fehlenden Ideen scheitert, sondern oft an Prozessen. Sein Eindruck von der DMEA: große Offenheit für Austausch – aber auch ein klares Bewusstsein dafür, wie komplex die Umsetzung im Alltag ist. Denn Digitalisierung endet nicht bei einzelnen Lösungen, sondern entscheidet sich entlang der gesamten Versorgungskette. Ein zentrales Thema ist dabei die Patientensteuerung: Wie lassen sich Prozesse so gestalten, dass Patient:innen nahtlos durch verschiedene Versorgungsbereiche geführt werden? Dafür braucht es vor allem eines – funktionierende Schnittstellen und echte Interoperabilität. Gleichzeitig zeigt sich: Akzeptanz entsteht dort, wo Lösungen im Alltag funktionieren und Anwendungen spürbar entlasten und intuitiv funktionieren. Anwendungen wie das E-Rezept haben genau das vorgemacht – nicht perfekt, aber verständlich und nutzbar. Ein weiterer wichtiger Punkt: Transformation lässt sich nicht am Reißbrett planen. Sie entsteht im Dialog – zwischen Politik, Ärzteschaft und Technologieanbietern. Genau dieses Zusammenspiel entscheidet darüber, ob Digitalisierung am Ende wirklich ankommt. Sein Fazit:

Digitalisierung gelingt dort, wo sie sich in bestehende Abläufe integriert – und gemeinsam weiterentwickelt wird.
Teilhabe als Innovationsfaktor: Warum die Zukunft der Gesundheit weiblicher wird?
Einen zukunftsgerichteten Akzent setzt auch Inga Bergen im Gespräch: Neben technologischen und strukturellen Fragen rückt ein Thema immer stärker in den Fokus - Teilhabe. Sie lenkt dabei den Blick auf eine zentrale Lücke im System: die geringe Repräsentation von Frauen in Führungspositionen – gerade in einem Bereich, der operativ stark von Frauen getragen wird. Im Gespräch mit ihr geht es weniger um Tools, als um Strukturen – den Menschen, die die Gesundheitsversorgung gestalten. Ihre Botschaft ist so einfach wie wirkungsvoll: Wer die Arbeit macht, Probleme erkennt und Lösungen entwickelt, sollte nicht nur im Hintergrund agieren, sondern auch an den Entscheidungen beteiligt sein. Dabei geht es weniger um Gleichstellung, als um insbesondere bessere Ergebnisse. Denn Innovation entsteht dort, wo Perspektivenvielfalt vorhanden ist. Besonders im Kontext neuer Technologien eröffnet sich hier eine Chance: Arbeitsprozesse werden flexibler, Beteiligung einfacher, Hierarchien durchlässiger. Die Vision: ein System, in dem diejenigen, die Versorgung leisten, auch aktiv an der Gestaltung der Lösungen beteiligt sind. Durch ihre eigene Erfahrung als Unternehmerin und langjährige Stimme im Digital-Health-Umfeld gewinnt diese Haltung Gewicht. Ihre Einschätzungen zu KI und neuen Handlungsspielräumen wirken weniger wie Trends, sondern wie eine konsequente Weiterentwicklung eines praxisnahen Health-Tech-Verständnisses. Ihr Appell:

Vielfalt entsteht durch Rahmenbedingungen, die Frauen unterstützen und ermutigen, sich aktiv in Führungspositionen einzubringen.
Fazit: Die Zukunft entscheidet sich nicht im Konzept, sondern in der Umsetzung
Die DMEA zeigt deutlich: Die Technologien sind da. Die Expertise ist da. Die Ideen auch.
Was fehlt, ist selten Wissen – sondern häufiger der Mut, ins Handeln zu kommen.
Die entscheidende Frage ist daher nicht mehr, was möglich ist, sondern wie schnell wir bereit sind, es umzusetzen.
Oder anders gesagt:
Die Zukunft des Gesundheitswesens wird nicht geplant. Sie wird gemacht.
Über die Autorin:

Zerrin Riegler ist Brand Managerin bei Lilly Deutschland GmbH und arbeitete zuletzt im Bereich Onkologie daran, den Zugang zu wirksamen Therapien zu verbessern und patientenorientierte Lösungen zu entwickeln – mit dem klaren Antrieb, einen positiven Unterschied für Betroffene und Angehörige zu machen. Seit 2019 engagiert sie sich im Verein und bringt sich darüber hinaus in verschiedenen Netzwerken ein, insbesondere rund um das Thema Prävention und innovative, digitale Versorgungskonzepte. Als kölsche Frohnatur liebt sie den offenen Austausch und neue Begegnungen – fachlich wie persönlich.



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